Presse 25.09.2014 (2)

erschienen in "Die Glocke"

--- Inklusion ---
Gemeinsames Lernen: Es sollen keine Tränen fließen



Wie man dem Rechtsanspruch auf einen Inklusionsplatz auch in Rheda-Wiedenbrück
gerecht  werden  kann,  war  Thema  in  der  jüngsten Schulausschusssitzung der
Doppelstadt an der Ems. Bild: dpa

   Von unserem Redaktionsmitglied
   KATHARINA WERNEKE

   Rheda-Wiedenbrück (gl). Plätze für gemeinsames Lernen gibt es bisher nur an der Gesamtschule am Standort Wiedenbrück. Sie soll mit dieser Aufgabe nicht allein bleiben. Mehrheitlich haben die Mitglieder des Schulausschusses die Einrichtung gemeinsamen Lernens an allen städtischen Schulen der Sekundarstufe I befürwortet. Die Verwaltung hat den Auftrag, die notwendigen Voraussetzungen zu klären.

   Seit August gibt es einen Rechtsanspruch darauf, dass Schüler, bei denen der Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung besteht, auch eine Regelschule besuchen können. Acht Inklusionsplätze sind für das Schuljahr 2014/2015 an der Gesamtschule eingerichtet worden. Da es 15 Nachfragen gab, mussten sieben Kinder abgewiesen werden. Die Situation wird sich für das Schuljahr 2015/2016 wohl verschärfen. Wie Reinhild Birkenhake, Leiterin des Fachbereichs Jugend, Bildung und Sport, im Ausschuss informierte, wisse man zurzeit von 30 Kindern, für die ein Platz für gemeinsames Lernen benötigt würde. Bei dem überwiegenden Teil von ihnen lägen die Förderbedarfe in den Bereichen Lernen sowie emotionale und soziale Entwicklung. Räumliche Voraussetzungen für Körperbehinderte üssten nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge nicht geschaffen werden. „Ich möchte appellieren, dass wir für diese 30 Kinder Plätze hier in der Stadt finden“, unterstrich sie im Verlauf der angeregten Diskussion. Rückblickend berichtete sie, dass sie schon weinende Eltern im Rathaus erlebt hätte, weil sie mit ihrem Kind an mehreren Schulen abgewiesen worden waren.

   Gesamtschulleiterin Christiane Kociszewska, Leiterin der städtischen Gesamtschule Rheda-Wiedenbrück, hofft, dass das nächste Aufnahmeverfahren „besser und
klarer“ abläuft als das vorherige. Sie hat sich allein gelassen gefühlt. Der Zustand für die einzige Schule mit Plätzen für gemeinsames Lernen sei „unerträglich“ gewesen. Dass man Eltern und Kinder haben abweisen müssen, sei „sehr bitter“ gewesen.

   „Alle Schulen müssen sich auf den Weg machen“, erklärte Annette Harz, Leiterin der Heidbrinkschule (Schule für Lernbehinderte). Brigitte Frisch-Linnhoff (SPD) gab zu bedenken, dass die weiterführenden Schulen, die man um Stellungnahme gebetenhatte, angegeben hätten, nur zielgleich unterrichten zu können. Gleichwohl gelte: „Prinzipiell ist Inklusion die Aufgabe aller Schulen.“ Die Leiterin der Ketteler Hauptschule, Elisabeth Stratmann, sagte: „Es ist auch eine Frage der Ehre, den Kindern an ihrem Heimatort einen Platz zuzubilligen“, auch wenn der Start schwierig würde.


Land mit in die Pflicht nehmen

   Rheda-Wiedenbrück (kaw). Im Vorfeld der Schulausschusssitzung am Dienstag hatten alle Leiter der Grundschulen der Doppelstadt und der Heidbrinkschule in einem Brief an Fraktionen,
Schulverwaltungsamt, Bürgermeister und Ausschussvorsitzenden ihren Wunsch geäußert, sicherzustellen, dass zum Schuljahr 2015/2016 jedes Kind, das in Rheda-Wiedenbrück am gemeinsamen Lernen teilnehmen möchte, auch einen Platz an einer weiterführenden Schule bekommt. Ein Argument lautete: „Insbesondere Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf benötigen kurze Wege und ein vertrautes Umfeld, um am gemeinschaftlichen Leben erfolgreich teilnehmen zu können.“

   Der Ausschuss hat sich nun, wie Volker Brüggenjürgen (Bündnis 90/Die Grünen) es forderte, „klar positioniert“ und ein Ziel vorgegeben. Die Diskussion zeigte aber auch, dass es viele Fragen zur Umsetzung gibt, und nicht der Schulträger allein in die Verantwortung zu nehmen sei.

   Es ist deshalb zugleich beschlossen worden, dass ein kompetenter Vertreter der Schulaufsicht in den Ausschuss eingeladen werden soll. Zugleich wird das Land NRW dazu aufgefordert, notwendige personelle Voraussetzungen zur Verfügung zu stellen. Wie Eberhard Greufe, Städtischer Leitender Rechtsdirektor, zuvor erläutert hatte, sei es die Aufgabe des Schulträgers, in räumlichen Fragen den Weg zu ebnen. Für die personelle Ausstattung zeichne das Land verantwortlich.

   Für Michael Pfläging (CDU) sind dringend Fragen nach Kosten, Zeitrahmen und personeller Ausstattung zu klären. „Ich halte nichts davon, im Schweinsgalopp dadurchzu rasen, ohne dass notwendige Voraussetzungen geschaffen werden“, erklärte er . Man könne den Schulen nicht einfach getreu dem Motto „Macht mal“ Kinder zuteilen. Ressourcen und ein Konzept vermisst auch der sachkundige Bürger Matthias Hegel (FDP). „Das Land prescht zu schnell vor“, mahnte Henrika Küppers (CDU) an, es in die Pflicht zunehmen. Eine Politik der kleinen Schritte empfahl Andreas Hahn (Die Grünen). Er schlug vor,bei den Schulen anzufragen, was sie benötigen würden.

   Vom konkreten Bedarf auszugehen, riet Heidbrink-Schulleiterin Annette Harz. Wenn die Anträge vorlägen, könnte man doch schauen, welches Kind wo am besten aufgehoben sei. Diese Idee, „für jedes Töpfchen das passende Deckelchen“ zu suchen, fand Brigitte Frisch-Linnhoff (SPD) sympathisch“.